Hundeverhalten einordnen: Was ist normal, problematisch oder gestört?
Von Normalverhalten und individuellen Verhaltensweisen bis zu Problemverhalten und Verhaltensstörungen: Wie Verhalten fachlich eingeordnet werden kann.
Was ist überhaupt Verhalten?
Verhalten umfasst zunächst alle beobachtbaren Handlungen und Reaktionen eines Individuums. Dazu gehört also alles, was ein Tier tut oder unter bestimmten Bedingungen vielleicht auch unterlässt.
Bei einem Hund versteht man unter Verhalten also unter anderem Bewegungen und Körperhaltungen, wie Laufen oder Hinlegen und Lautäußerungen, wie Bellen oder Winseln. Auch Erkundungsverhalten, Nahrungssuche sowie soziale Verhaltensweisen und Spiel gehören in das hündische Verhaltensrepertoire.
Verhalten entsteht dabei nicht einfach so. Was ein Hund tut, steht immer im Zusammenhang mit seiner Umgebung sowie inneren und auch äußeren Bedingungen, die auf den Hund einwirken. Faktoren wie Stress, bestimmte Sozialpartner oder eine unbekannte Umgebung können Verhalten beeinflussen.
In wissenschaftlichen Betrachtungen können wir Verhalten also nicht nur danach beschreiben und beurteilen, was ein Hund tut. Vielmehr muss danach gefragt werden, unter welchen Bedingungen der Hund das spezielle Verhalten zeigt, welche Funktion es für den Hund erfüllt und welche biologischen, individuellen und umweltbezogenen Faktoren daran beteiligt sind. [1][2]
Verhalten umfasst also alle Handlungen und Reaktionen eines Hundes, im Kontext von individuellen und situativen Bedingungen.
Was ist Normalverhalten beim Hund?
Der Begriff Normalverhalten beschreibt zunächst lediglich Verhalten, das im artspezifischen oder individuellen Verhaltensrepertoire eines Hundes liegt. Normalverhalten sind also alle Handlungen und Reaktionen, die angeboren bei Hunden typischer Weise vorkommen oder die ein Hund im Laufe seines Lebens erlernt hat.
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Dazu gehören beispielsweise:
Soziales Verhalten (Annäherung, Distanzierung, Interaktionen, …)
Kommunikatives Verhalten (Körperhaltungen, Gesichtsausdruck, Lautäußerungen, …)
Spielverhalten (Objektspiel, Sozialspiel, Bewegungs- und Interaktionsspiele, …)
Nahrungssuche und Fressverhalten (Suchen, Aufnehmen und Verarbeiten von Nahrung, …)
Ruhe- und Schlafverhalten (Schlafen, Dösen, Ausruhen, …)
Komfortverhalten (Strecken, Schütteln, Körperpflege, …)
Erkundungs- und Orientierungsverhalten (Schnüffeln, Beobachten, Untersuchen, …)
Ausscheidungs- und Markierverhalten (Urinieren, Kotabsatz, kommunikatives Markieren, …)
Fortpflanzungsbezogenes Verhalten (Balz, “Flirten”, Paarungsverhalten, …)
Bewegung und Aktivitätsverhalten (Rennen, Springen, Klettern, Graben, …)
Jagdmotiviertes Verhalten (Orientieren, Fixieren, Verfolgen, Hetzen, …)
Distanz- und Abwehrverhalten (Ausweichen, Vermeiden, Drohen, Knurren …)
Das eine Normalverhalten gibt es dabei nicht. Unterschiedliche genetische Voraussetzungen, Erfahrungen und das Lebensumfeld haben, genauso wie Alter und Entwicklungsstand, einen großen Einfluss darauf, welche Verhaltensweisen ein Hund individuell zeigt und wie ausgeprägt diese sind.
So kann beispielsweise das Erkundungs-, Spiel- oder Sozialverhalten eines jungen Hundes anders ausgeprägt sein als das eines erwachsenen oder älteren Hundes. Ebenso können sich Hunde desselben Alters und derselben Rasse deutlich voneinander unterscheiden. Individuelle Unterschiede gehören somit selbst zum normalen Spektrum hündischen Verhaltens. [3][4]
Welche Funktion kann Verhalten haben?
Wenn wir Verhalten betrachten, reicht es nicht, nur zu beschreiben, was ein Hund tut. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Funktion das Verhalten in der Situation erfüllt.
Mit der Funktion eines Verhaltens ist gemeint, was das Verhalten für den Hund bewirkt. Ein Verhalten kann beispielsweise dazu beitragen, Abstand zu einem Reiz herzustellen, Zugang zu etwas oder Aufmerksamkeit zu bekommen oder eine unangenehme Situation zu beenden.
Ein einfaches Beispiel ist Bellen: Ein Hund bellt, wenn sich ein Mensch nähert. Das beobachtbare Verhalten ist zunächst dasselbe – der Hund bellt. Die Funktion kann jedoch unterschiedlich sein. In einer Situation kann das Bellen Abstand herstellen, in einer anderen kann es mit Aufmerksamkeit oder Aufregung zusammenhängen.
Umgekehrt können unterschiedliche Verhaltensweisen dieselbe Funktion erfüllen. Ein Hund kann beispielsweise Abstand bekommen, indem er ausweicht, sich zurückzieht, knurrt oder bellt.
Dasselbe Verhalten muss also nicht immer dieselbe Funktion haben – und dieselbe Funktion kann durch unterschiedliche Verhaltensweisen erreicht werden.
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Zugang zu etwas Erwünschtem herstellen
Etwas Angenehmes oder Begehrtes erlangen
Bellen → Mensch gibt Aufmerksamkeit
Betteln → Futter
Spielzeug bringen → Spiel beginnt
Aufmerksamkeit / soziale Interaktion erhalten
Kontakt, Zuwendung oder Interaktion herbeiführen
Pföteln, Anstupsen, Bellen, Anspringen
Zugang zu Ressourcen erhalten oder sichern
Eine Ressource bekommen, behalten oder deren Entzug verhindern
Knurren beim Wegnehmen eines Kauartikels
Verteidigen eines Liegeplatzes
Unangenehmes beenden oder vermeiden
Einen aversiven Reiz reduzieren, beenden oder ihm entkommen
Weglaufen; Verhalten bei unangenehmer Manipulation
Knurren → Mensch weicht zurück
Distanz herstellen
Abstand zu einem als bedrohlich oder unangenehm empfundenen Reiz schaffen
Bellen, Knurren, Schnappen gegenüber Mensch/Hund
Zugang zu einem bestimmten Ort / Umweltzustand herstellen
Einen gewünschten räumlichen Zustand erreichen
Zur Tür drängen, um hinauszugehen
Kratzen an der Tür
Umwelt kontrollieren / Vorhersagbarkeit herstellen
Einfluss auf einen unvorhersehbaren oder störenden Umweltzustand gewinnen
Kontrollieren von Bewegungen
Reaktion auf Geräusche
Information gewinnen
Informationen über Umwelt, Artgenossen oder Ereignisse erhalten
Schnüffeln, Beobachten, Erkunden
Erregung regulieren / Spannung abbauen
Mit hoher emotionaler oder physiologischer Aktivierung umgehen
Schütteln, Übersprungsverhalten, repetitive Handlungen
Konflikt bewältigen
Gleichzeitig bestehende Annäherungs- und Vermeidungstendenzen bewältigen
Annäherung und gleichzeitiges Ausweichen; Beschwichtigung
Selbst-/automatische Verstärkung
Das Verhalten selbst erzeugt eine unmittelbar wirksame Konsequenz
repetitive orale oder motorische Verhaltensweisen
Frustration bewältigen / blockiertes Ziel erreichen
Ein gewünschtes Ziel ist vorhanden, aber momentan nicht erreichbar
Bellen oder Scharren an verschlossener Tür
Fortpflanzungsbezogene Ziele
Verhalten trägt zum Zugang zu Paarungspartnern bzw. zur Fortpflanzung bei
Werbe-, Paarungs- und Partnerwahlverhalten
Nachwuchs schützen / versorgen
Schutz und Versorgung des Nachwuchses
Nest-/Wurfverteidigung, Versorgen der Welpen
Körperliche Bedürfnisse regulieren
Einen physiologischen Bedarf befriedigen
Nahrung/Wasser aufnehmen, Ausscheiden, Körperpflege, Wärme/Kälte aufsuchen
Selbstschutz / körperliche Unversehrtheit sichern
Verletzung oder Bedrohung verhindern
Flucht, Erstarren, Abwehrverhalten
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Die Konsequenzen eines Verhaltens beeinflussen, unter anderem ob eine bestimmte Funktion eines Verhaltens aufrechterhalten wird – beispielsweise wenn Bellen zuverlässig Aufmerksamkeit bringt oder Drohverhalten dazu führt, dass ein unangenehmer Reiz Abstand hält.
Positive Verstärkung
Auf das Verhalten folgt etwas, das für den Hund relevant oder angenehm ist. Dadurch wird das Verhalten wahrscheinlicher.
Der Hund bellt einen Menschen an → der Mensch schenkt ihm Aufmerksamkeit → Aufmerksamkeit kann die Funktion des Bellens werden und das Bellen wird wahrscheinlicher.Negative Verstärkung
Etwas Unangenehmes endet oder verschwindet. Dadurch wird das Verhalten wahrscheinlicher.
Ein fremder Hund nähert sich → der Hund knurrt und bellt → der andere Hund geht auf Abstand → Distanz herstellen wird zur Funktion des Verhaltens und das Drohverhalten kann sich verstärken.Negative Bestrafung
Etwas für den Hund Angenehmes wird entzogen, wodurch das Verhalten seltener wird.
Der Hund beißt beim gemeinsamen Spiel → das Spiel wird sofort beendet → das Verhalten verliert den Zugang zur gewünschten Interaktion und kann dadurch seltener werden.Positive Bestrafung
Auf das Verhalten folgt etwas Unangenehmes, wodurch das Verhalten seltener wird.
Der Hund springt einen Menschen an → ein unangenehmer Reiz folgt → das Anspringen nimmt ab.Was ein Verhalten aufrechterhält, entscheidet sich letztlich aus Sicht des Hundes: In der jeweiligen Situation ist das besonders relevant, was für ihn gerade den größten Wert hat – etwa Abstand, Aufmerksamkeit, Zugang zu einer Ressource oder das Ende einer unangenehmen Situation. [9]
Die Frage nach der Funktion und den Konsequenzen für den individuellen Hund hilft dabei, Verhalten im jeweiligen Kontext besser zu verstehen und nicht vorschnell zu bewerten. Dabei bedeutet „Funktion“ nicht, dass der Hund sein Verhalten bewusst plant. Es geht darum, welche Wirkung das Verhalten für den Hund hat und welche Rolle es in der jeweiligen Situation spielt. [1][5][8]
Wann wird Verhalten zum Problem?
Nicht jedes hündische Normalverhalten ist in unserem modernen Alltag erwünscht. Jagen, Bellen, Markieren, Anspringen oder auch aggressives Verhalten können grundsätzlich zum normalen Verhaltensrepertoire eines Hundes gehören und für den Hund wichtige Funktionen erfüllen. Wir müssen also ganz klar unterscheiden zwischen Verhalten, dass uns stört und abnormalem oder krankhaftem Verhalten.
Ob wir ein Verhalten als problematisch empfinden, hängt sehr stark von den jeweiligen Lebensumständen und individuellen Anforderungen ab. Was in einem bestimmten Umfeld sinnvoll und funktional sein kann, kann in einem anderen unerwünscht oder problematisch sein. Ein ursprünglich arbeitender Herdenschutzhund muss Verhaltensweisen zeigen, die in einer dicht besiedelten Stadt problematisch werden können.
Problematisch ist also in erster Linie eine Einordnung, die wir Menschen treffen, in Abhängigkeit zu den Lebensumständen. Aus diesem Grund müssen wir unterscheiden zwischen unerwünschtem Normalverhalten und abnormalem, krankhaften Verhalten. Hündisches Normalverhalten kann ein erhebliches Problem im individuellen Alltag darstellen. Aber erst wenn Verhalten oder Ausprägung beispielsweise deutlich aus dem individuellen oder artspezifischen Rahmen fallen oder dysfunktional werden, ist eine weitergehende fachliche Einordnung notwendig. [5][6]
Nicht alles, was uns stört, ist auch gestört.
Auch normales Hundeverhalten kann im modernen Alltag problematisch oder störend werden. So ist auch Aggression in erster Linie Teil des hündischen Verhaltens.
Wann wird Verhalten auffällig oder gestört?
Nicht jedes Verhalten, das im Alltag Schwierigkeiten verursacht oder das Veränderungen beziehungsweise Abweichungen vom typischen Verhalten zeigt, ist krankhaft oder gestört. Wenn Verhalten deutlich von dem abweicht, was bisher bei einem speziellen Hund beobachtet wurde, also extrem untypisch ist oder ungewöhnlich in einem gewissen Kontext erscheint, dann kann dies zunächst auffällig genannt werden. Auffälligkeit ist also erstmal nur eine Beobachtung und keine Diagnose.
Hier wird es aus fachlicher Sicht wichtig, genau hinzuschauen. Wann tritt das Verhalten auf? Wie häufig und wie ausgeprägt ist es? Wie lange besteht es bereits? An welche Bedingungen und Faktoren ist es geknüpft? Verhaltensänderungen können diverse Ursachen haben. Manchmal findet sich beispielsweise eine Ursache in veränderten Lebensumständen oder körperlichen und gesundheitlichen Faktoren.
Gestörtes oder pathologisches Verhalten liegt nur vor, wenn das Verhalten ungewöhnlich und gleichzeitig dysfunktional ist. Das Verhalten muss also vom Normalverhalten des Hundes abweichen und die eigentliche Funktion nicht erfüllen oder dem Hund sogar Nachteile einbringen. Hierzu können auch langfristige negative Folgen gehören.
Ein Beispiel dafür ist abnormal repetitives Verhalten, also ein Verhalten was zwanghaft wiederholt wird und damit einen funktionierenden Alltag beeinträchtigt, wie Kreiseln oder Schwanzjagen.
Genau deshalb sollte aus einem einzelnen Verhalten nicht vorschnell auf eine Verhaltensstörung geschlossen werden. Erst die Betrachtung des individuellen Hundes, seines Kontextes und der Entwicklung des Verhaltens ermöglicht eine fundierte Einschätzung. [6][7]
Auffällig ist also zunächst eine Beobachtung – gestört ist eine fachliche Einordnung.
Warum Verhalten immer im Kontext gesehen werden muss
Verhalten lässt sich nicht unabhängig von der Situation beurteilen. Ob ein Verhalten als normal, auffällig oder problematisch einzuschätzen ist, hängt unter anderem davon ab, wann, wo, gegenüber wem und unter welchen Bedingungen es auftritt. Dasselbe Verhalten kann in einer Situation angemessen und funktional sein, in einer anderen jedoch problematisch oder sogar krankhaft wirken.
Ein Hund, der einen Fremden anbellt, kann damit beispielsweise Abstand herstellen. In einer Situation, in der sich tatsächlich eine Bedrohung nähert, kann dieses Verhalten funktional und angemessen sein. Zeigt der Hund dasselbe Verhalten dagegen nahezu ununterbrochen gegenüber jedem Passanten oder bellt der Hund vielleicht ohne Unterbrechung beim Alleinbleiben, verändert sich unsere Bewertung deutlich.
Auch Knurren ist nicht automatisch „Problemverhalten“. Ein Hund kann knurren, um Abstand zu schaffen, eine Ressource zu verteidigen, Schmerzen auszudrücken oder eine unangenehme Interaktion zu beenden. Erst der Kontext zeigt, welche Funktion das Verhalten in der jeweiligen Situation hat.
Nicht das Verhalten allein entscheidet über seine Bedeutung, sondern das Zusammenspiel aus Verhalten, Situation, Funktion, Konsequenzen und individuellen Voraussetzungen.
Welche Faktoren beeinflussen Verhalten?
Verhalten entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren und Bedingungen. Dazu gehören sowohl genetische und biologische Voraussetzungen als auch Entwicklung, Lernerfahrungen, Umwelt und die aktuelle Situation. Auch Gesundheit, soziale Beziehungen und individuelle Erfahrungen können beeinflussen, wie ein Hund auf eine bestimmte Situation reagiert.
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Genetik und Zucht
Genetische Voraussetzungen und gezielte Zuchtselektion beeinflussen unter anderem Temperament, Reaktivität und bestimmte Verhaltensneigungen.
Ein Herdenschutzhund, selektiert auf Bewachen, kann eine stärkere Tendenz zu Wach- und Territorialverhalten zeigen als z.B. ein Beagle, bei dem andere Eigenschaften züchterisch im Vordergrund standen.
Alter und Entwicklung
Verhalten verändert sich mit der körperlichen, neurologischen und sozialen Entwicklung. Frühere Entwicklungsphasen können spätere Ausprägungen beeinflussen.
Ein Welpe zeigt typischerweise mehr Spiel- und Erkundungsverhalten als ein älterer Hund.
Lernerfahrungen
Erfahrungen und die Konsequenzen des eigenen Verhaltens beeinflussen, welche Verhaltensweisen ein Hund künftig zeigt und in welchen Situationen er sie einsetzt.
Ein Hund bellt einen Besucher an → der Besucher geht zurück → der Hund kann lernen, dass Bellen erfolgreich Abstand schafft.
Emotionen und Motivation
Der aktuelle emotionale Zustand und die Motivation beeinflussen, wie ein Hund eine Situation wahrnimmt und auf sie reagiert.
Ein hungriger Hund kann sich anders gegenüber einer Ressource verhalten als ein sattes Tier.
Ein stark erregter Hund kann auf einen Artgenossen heftiger reagieren als ein entspannter Hund.
Körperliche Gesundheit und physiologischer Zustand
Schmerzen, Erkrankungen, hormonelle oder neurologische Veränderungen und andere körperliche Faktoren können Verhalten beeinflussen oder verändern.
Ein Hund mit Schmerzen kann Berührungen plötzlich mit Abwehrverhalten beantworten, obwohl er sich zuvor problemlos anfassen ließ.
Umwelt und Haltungsbedingungen
Reize, räumliche Bedingungen, Beschäftigung, Rückzugsmöglichkeiten und die allgemeine Lebensumgebung wirken auf Verhalten ein.
Ein Hund, der ständig Bewegungen vor dem Fenster beobachten kann, kann dort besonders häufig mit Wach- und Bellverhalten reagieren.
Soziale Beziehungen und Erfahrungen
Erfahrungen mit Menschen, Hunden und anderen Sozialpartnern beeinflussen Erwartungen, soziale Kompetenzen und Reaktionsweisen.
Ein Hund mit überwiegend positiven Erfahrungen mit Menschen kann Besuch anders begegnen als ein Hund, der mit fremden Menschen wiederholt negative oder wenige Erfahrungen gemacht hat.
Aktuelle Situation und Kontext
Verhalten hängt auch davon ab, was gerade passiert: anwesende Personen oder Tiere, Ort, Reize, vorherige Ereignisse und die aktuelle Belastung spielen eine Rolle.
Ein Hund kann einen bekannten Menschen zuhause freundlich begrüßen, auf dieselbe Person in einer für ihn belastenden Situation aber mit Distanzverhalten reagieren.
Diverse Faktoren wirken hierbei nicht unabhängig voneinander. Aus dem Zusammenspiel von genetischen Voraussetzungen, Entwicklung, Erfahrungen, Umwelt und der aktuellen Situation entsteht das Verhalten, das wir beobachten. Deshalb lässt sich Verhalten oft nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. [1][10]
Verhalten verstehen statt vorschnell bewerten
Verhalten sollte nicht isoliert bewertet werden. Erst wenn wir Verhalten im Zusammenhang mit seiner Funktion, seinen Konsequenzen, dem individuellen Hund und den jeweiligen Umwelt- und Situationsbedingungen betrachten, können wir sinnvoll einschätzen, ob es sich um normales, unerwünschtes, auffälliges oder tatsächlich gestörtes Verhalten handelt.
Nicht jedes Verhalten, das uns stört, ist abnormal – und nicht jedes ungewöhnliche Verhalten ist automatisch eine Verhaltensstörung. Entscheidend ist, den Hund hinter dem Verhalten und die Bedingungen, unter denen es entsteht und aufrechterhalten wird, zu verstehen.
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Normalverhalten
Verhalten liegt grundsätzlich im artspezifischen und/oder individuellen Verhaltensspektrum und ist im jeweiligen Kontext funktional bzw. nicht ungewöhnlich.
Bspw.: Ein Hund bellt, wenn jemand das Grundstück betritt.
Unerwünschtes/ Problematisches Verhalten
Verhalten kann grundsätzlich normales Hundeverhalten sein, ist für Menschen im jeweiligen Alltag aber störend oder unpraktisch.
Bspw.: Ein Hund springt Besucher zur Begrüßung an.
Auffälliges Verhalten
Verhalten weicht deutlich vom bisherigen individuellen Verhalten oder vom erwartbaren Verhalten in der jeweiligen Situation ab. „Auffällig“ beschreibt zunächst eine Beobachtung, keine Diagnose.
Bspw.: Ein bisher ruhiger Hund beginnt plötzlich, Menschen in seinem Umfeld massiv anzubellen.
Gestörtes / pathologisches Verhalten
Verhalten ist deutlich dysfunktional bzw. mit relevanter Beeinträchtigung verbunden und kann Ausdruck einer Verhaltensstörung oder eines medizinisch bedingten Problems sein.
Bspw.: Zwanghaftes, repetitives Verhalten, das kaum unterbrechbar ist und den normalen Alltag beeinträchtigt.
Nicht die einzelne Verhaltensweise entscheidet darüber, ob etwas „normal“ oder „gestört“ ist. Erst das Zusammenspiel von Hund, Verhalten, Funktion, Lerngeschichte und Kontext macht eine fachliche Einordnung möglich. Und nur wenn wir den Hund und sein Verhalten verstehen, können wir nachhaltige Veränderungen bewirken.
Darum ist einer unserer Grundsätze:
Wir wollen Verhalten verstehen statt es vorschnell zu bewerten.
Quellen:
[1] Merck Veterinary Manual - Introduction to Behavior of Dogs.
Quelle ansehen
[2] Levitis, D. A., Lidicker, W. Z. & Freund, G. (2009) -
Behavioural biologists don't agree on what constitutes behaviour.
Quelle ansehen
[3] Merck Veterinary Manual – Social Behavior of Dogs
Quelle ansehen
[4] Merck Veterinary Manual - Normal Social Behavior in Dogs.
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[5] Merck Veterinary Manual - Behavior Problems of Dogs.
Quelle ansehen
[6] Merck Veterinary Manual - Diagnosing Behavior Problems in Dogs.
Quelle ansehen
[7] Merck Veterinary Manual – Glossary of Behavioral Terms for Veterinary Medicine
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[8] Ayvaci, A. & Saini, V. (2026) – Functional characteristics of behavior problems in dogs, Journal of Veterinary Behavior, 83, 26–34.
Quelle ansehen
[9] Merck Veterinary Manual: Treatment of Behavior Problems in Animals – Operant Conditioning
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[10] Wilsson, E. (2022) - Factors influencing the expression of behavior in the domestic dog. In: Genetics and the Behavior of Domestic Animals (3rd ed.)
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